Ein endloser kristallblauer See, leise wiegende Palmen und ein fliegender Goldfisch, dessen Rückenflosse von einer marmornen Hand in einer beständigen Routine gezupft wird…
Als nächstes erscheint ein schwebendes Gehirn, kommt näher, entfernt sich, tritt aus meinem Sichtfeld heraus, bis es sich kurz vor meinen Augen riesengroß um sich selber dreht und die Streicheleinheiten einer abgetrennten Hand genießt. Nein, ich bin nicht verrückt geworden oder habe meinen schlimmsten Albtraum: Ich sitze höchst entspannt im Zeppelinmuseum auf einem Sitzsack und habe das erste Mal in meinem Leben eine Virtual Reality Brille auf.
Genauer gesagt, befinde ich mich in der Ausstellung “Schöne neue Welten“, die ab heute bis zum 8. April 2018 in Friedrichshafen läuft und uns einen Einblick in die virtuellen Realitäten in der zeitgenössischen Kunst gibt.
Bei dieser Ausstellung kann ich nicht einfach das Museum besuchen, mir die Kunstwerke aus der entsprechenden Entfernung anschauen und dann wieder nach Hause gehen, mit dem Gefühl, etwas für meine Bildung getan zu haben. Hier muss ich selber aktiv werden und mich komplett und mit allen Sinnen auf etwas Neues einlassen.
Als erstes habe ich mir die schon anfangs erläuterte Entspannungs”geschichte” von Asega/Donohue/Lulin ausgesucht, die mich mit Hilfe von VR und ASMR ( berühmt durch YouTube) in einen Trance ähnlichen Zustand führt. Genial!! Wichtig ist, dass ich mir wirklich ein bisschen Zeit nehme. Schnell, schnell geht nicht. Und die Brille muss richtig sitzen, sonst ist es für die Katz. Die Technik ist halt verantwortlich für das weitere Geschehen, und wenn die VR-Brille durch schiefes Sitzen zu viel Rand sehen lässt, bleibe ich immer ein Stückchen auf meinem Sitzsack im Zeppelinmuseum und reise nicht mit dem Goldfisch durch ein für mich sehr reales Paradies. Klingt irre, ist es auch! Ich hätte stundenlang da sitzen können, den Bildern und der leisen Stimme folgend, obwohl ich sonst überhaupt nicht empfänglich für ASMR bin und den Hype darum nicht verstehe.
Bei einem anderen Künstler, Florian Meisenberg, stehe ich auf einem dicken, hochflorigen Teppich, der ein Motiv mit einer im Horizont verschwimmenden Menschenmenge zeigt.

Sobald ich jedoch die VR Brille aufhabe, können meine Handbewegungen ins Digitale getrackt werden und die Außenstehenden sehen meine Hände auf eine Leinwand projiziert, mich selber ins Leere greifend und anscheinend sinnlose Bewegungen machend, während ich in meiner virtuellen Welt gerade eine Skulptur erschaffe, verforme und wieder neu aufbaue. Für mich ist das spannend, für die Zuschauer aber auch manchmal sehenswert, denn es hat schon etwas komisches an sich, wenn ich mache und tue, und keiner weiß warum. Egal, ich baue meine Skulptur fertig!


Eine andere, eigentlich unscheinbare Installation mit dem Namen “San Pellegrino”, zeigt, wie eine liegende Latexmaske mit pastösem Honig überflutet wird und diese natürliche Masse langsam in die Hohlräume dringt. Durch den Mund, die Nase und ins Gehirn. Anschließend wird die ganze Sache mit San Pellegrino (Nestle!) gesäubert und reingewaschen. Ein Schelm, der dabei Böses denkt! Ich habe keine Ahnung, was der Künstler sich dabei gedacht hat, aber meine Intention dazu regt mich zum Nachdenken an. Und dafür ist Kunst ja da, oder?

Im nächsten Raum wird das Flüchtlingsthema ironisch beleuchtet. Wenn niemand die Flüchtlinge haben will, warum schicken wir sie dann nicht einfach ins Weltall, auf den Mars? Ich trete also virtuell mit den Flüchtlingen die Reise an, um zu schauen, wo ich die Flüchtlinge eigentlich unterbringen will. Inspiriert wurde der Künstler von dem einzigen syrischen Kosmonauten, der jetzt in Istanbul in Asyl lebt. Ein Kosmonaut als Asylant? Ja, auch das gibt es, wie ich hier erfahre.

In einem anderen Raum kann ich den größten wachsenden Absatzmarkt für VR Technologien hautnah erleben: Pornos. Alle anderen Anwendungsbereiche sind eigentlich ein Randprodukt, wie ich erstaunt erfahre.
Mitten im Raum, umgeben von anderen Museumsbesuchern, kann ich mir einen 3D Porno mit einem digital erschaffenden Avatar anschauen. So werde ich irgendwie zum Voyeur, die Umstehenden aber auch, denn natürlich macht man sich so seine Gedanken, wenn man weiß, dass derjenige mit der Brille jetzt Eva 3.0 anschaut. Ziemlich verstörend irgendwie.
Es gibt noch viele weitere bizarre und auch brutale Situationen/Stationen/Virtuelle Realitäten. Es ist schade, dass sich die besten Bilder diesmal nicht ablichten lassen, nicht zu fotografieren sind, denn sie finden nur in meiner virtuellen Realität statt. Das Beste ist, selber in diese wirklich moderne Ausstellung zu gehen und die Erfahrungen selber zu erleben. Es lohnt sich total. Lasst euch ein, nehmt euch Zeit, vergesst, wo ihr seid und staunt über die vielen Möglichkeiten und Gedankengänge. Dann könnt ihr das Motto wortwörtlich nehmen: Willkommen in den “schönen neuen Welten”!



Seestrasse 22
88045 Friedrichshafen
vom 11.November 2017 bis zu 8. April 2018
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Für mich fängt der Pfingstsamstag perfekt an: Ich habe ein Ticket für einen Zeppelinflug in meiner Tasche und fahre aufgeregt nach Friedrichshafen zum Zeppelin-Hangar um den See einmal aus der Vogelperspektive anzuschauen.
Am Hangar werde ich freundlich begrüßt und nach Vorlage meines Ausweises folgt für mich und den 11 weiteren Fluggästen ein kleiner Sicherheitscheck. Anschließend dürfen wir, um die Wartezeit zu überbrücken, noch einen gut gemachten kurzen Film über die Geschichte des Zeppelins auf der Leinwand schauen.. Es sind tolle Kameraeinstellungen dabei und er ist sehr ruhig und stimmungsvoll gestaltet und nimmt so vielleicht dem ein oder anderen die Aufregung, steigert jedoch auch die Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis.

Mit einem kleinen Bus werden wir dann auf das Startfeld gebracht und in 2er Grüppchen treten wir den sogenannten fliegenden Einstieg an. Das heißt, dass der Zeppelin gar nicht richtig landet oder fest verankert ist, sondern dass er während der ganzen Zeit des Zustieges in der Luft schwebt. Immer wenn 2 Gäste des vorherigen Fluges den Zeppelin verlassen, steigen 2 von uns ein, damit das Gleichgewicht im schwebenden Zeppelin erhalten bleibt. Das hört sich schwieriger an als es ist, aber auch die Oma mit den stylishen silbernen Turnschuhen mitsamt ihrer Enkelin ist ruckzuck in der geräumigen Kabine. Innerhalb von Minuten sitzen wir alle auf unserem Platz, sind angeschnallt und bereit für alles weitere. Das Schöne ist, dass es im Gegensatz zum Flugzeug hier nur Fensterplätze gibt.



Den Start empfinde ich ganz anders als bei meinen vorherigen Flügen mit Airbus, Hubschrauber und Co, schräg und leise geht es auf eine Höhe von ca 300 m und schon sehe ich den Bodensee von weit oben, aber noch nah genug, um viele Details zu erkennen.
Jeder von uns hat eine Kamera oder zumindest ein Smartphone in der Hand, um Fotos zu schießen, was das Zeug hält. Mein Sitzplatz ist sogar an einem der 2 Fenster, die geöffnet werden können und so werden meine Fotos spiegelfrei und ich spüre den Wind in den Haaren. Ich habe übrigens herausgefunden, dass ich die angesagten Flat Lay Fotos der etwas anderen Art machen kann, wenn ich die Kamera komplett aus dem Fenster Richtung Landschaft halte. Beim Nachmachen nicht vergessen, das Teil um den Hals mit der Kordel zu sichern, denn es ist ziemlich windig und die Kamera schnell verloren. (Mit dem Smartphone ist es vielleicht nicht so eine gute Idee).
Im hinteren Teil des Luftschiffes ist auch ein großes Panoramafenster, größer als mein Fenster zuhause im Wohnzimmer. Dort am besten einfach hinsetzen, gucken, genießen und die Eindrücke in der “Kopfkamera” speichern, was eh am meisten Spaß macht.
In der modern und bequem gestalteten Kabine kann ich mich frei bewegen, hin und her gehen (solange nicht alle Passagiere gleichzeitig auf einer Stelle sein wollen), dem Piloten Oliver Jäger über die Schulter schauen und mich mit den anderen Passagieren unterhalten. Während des Fluges erklärt die nette Hostess allerlei, macht uns auf Besonderes auf dem Boden aufmerksam, kümmert sich kompetent um Elvis, den Londoner, der kein deutsch versteht und hat auf jede unserer Fragen die passende Antwort.
Schwerelos und gemütlich gleitet der Zeppelin über die Landschaft, nur manchmal schaukelt er von rechts nach links oder vorne geht die Nase hoch und runter. Ich habe im Zeppelin eher das Gefühl, auf einem Schiff mit leichtem Wellengang zu sein als in einem “Flug-“zeug. Vielleicht kommt daher auch der Name “Luftschiff”. Ein ungewohntes Empfinden, dass mir wirklich neu ist.




Die Zeit vergeht sprichwörtlich wie im Flug während ich über Friedrichshafen, den See und die Markdorfer Gegend schaukele. Hätte ich noch einmal das Glück, einen Zeppelin zu besteigen, würde ich definitiv eine der längeren Routen über die Mainau oder über das Allgäu nehmen, denn wie schön müssen erst die Blumeninsel oder die Berge von oben aussehen.
Es gibt für jeden Anspruch und Geldbeutel die passende Route – was jedoch nicht planbar ist, ist das Wetter. Sollte einmal kein Flugwetter sein, wird der Flug problemlos umgebucht. Es macht bestimmt auch keinen Spaß, bei Regen oder starkem Nebel zu fliegen, auch bei Starkwind stelle ich es mir nicht unbedingt prickelnd vor.
Leider geht es dann auch schon wieder dem Ende zu und wir landen bzw schweben einige cm über der Erde um rasch auszusteigen und in die Zeppelinlounge geführt zu werden. Dort trinken wir ein Gläschen Sekt, nehmen stolz unsere Zeppelinflug-Urkunde in Empfang und haben Zeit , einer der allesamt wirklich netten Mitarbeiterinnen einige Fakten zu entlocken. So erfahren wir zB, dass alleine die Hülle des Zeppelins 1 Mio Euro kostet und nur eine Dicke von 0,34 mm hat. Da relativiert sich auch schnell der Preis eines solchen Fluges.
Im geschmackvoll eingerichteten Restaurant “Hangar FN” habe ich anschließend noch die Gelegenheit, mit ein paar Mitfliegenden zu sprechen, und wir waren uns einig, dass dieses besondere Erlebnis jeden Cent wert ist.


Alles in allem war dies ein wirklich außergewöhnlicher Pfingstsamstag für mich, mit Eindrücken, die ich nicht so schnell vergessen werde. Immer wieder wurde ich von Urlaubern und Bodensee-Besuchern gefragt, ob ich als Einheimische schon mal Zeppelin geflogen bin und nun kann ich diese Frage mit Ja beantworten und jedem nur raten, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.







Bei dem Zeppelinflug hat mich die Deutsche Zeppelin-Reederei GmbH unterstützt. Vielen lieben Dank dafür!
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